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Radikal digital

Wie der junge Unternehmensberater Philipp Riederle Führungskräften die Digitalisierung der Welt erklärt

Zwei Bücher auf dem Markt, über 300 Vorträge und Beraterjobs in Industrie und Mittelstand, dazu noch Auftritte im Fernsehen und Zeitungsinterviews sowieso: Philipp Riederle ist ein gefragter junger Mann. Dabei hat der 22-jährige noch nicht einmal sein Studium der Soziologie, Politik und Wirtschaftslehre abgeschlossen. Stattdessen hat er aber eine Ahnung wie die digitale Revolution unsere Welt verändert. Schon als 13-jähriger Bub hat Riederle mit Internet-Videos unter dem Titel „Mein I-Phone und ich“ für Furore gesorgt.

Das war zu einer Zeit, als hier in Deutschland noch kaum jemand wusste, was so ein Telefon ohne Tasten überhaupt kann. Riederle hingegen besorgte sich ein I-Phone aus den USA und ließ sich dann von Hackern

erklären, wie man es im deutschen Netz zum Funktionieren bekommt. Seine Erklärvideos aus dem Kinderzimmer machten ihn berühmt im Netz und bald schon kamen die großen Firmen zu dem damals noch kleinen Mann und wollten von dem Steppke wissen, wie die digitale Welt funktioniert. Philipp Riederle ist ein „Digital Native“, ein „Eingeborener“ der digitalen Welt. So nennt man Menschen die ab 1985 oder später geboren sind und für die das Internet so alltäglich ist wie für ältere Generationen der Buchdruck. Bücher lese er schon auch, so Riederle zuletzt am Ende eines Vortrags vor Führungskräften und Unternehmern in Freiburg. Aber eher am Strand, so der junge Mann weiter. Dort habe er sonst Angst, dass sein E-Book-Reader nass werden würde…

Riederle ist nicht nur ein Experte in Sachen Internet, er erklärt anderen auch gern, wie seine Generation denkt, fühlt und vor allem arbeitet: Der sogenannten „Generation Y“ sagt man hier gemeinhin nicht viel
Gutes nach. Fokussiert auf die Freizeit statt die Karriere seien die Jungen, hört man. Und wenig interessiert daran, einem Arbeitgeber die Treue zu halten, wenn sie eine neue Stelle antreten. Das habe, so Riederle in Freiburg, viel
damit zu tun, seine Generation in einer Zeit der Unsicherheiten aufgewachsen sei. „Wir wollen jetzt Spaß an der Arbeit haben und nicht auf einen Aufstieg spekulieren, den es am Ende vielleicht nicht gibt, weil ein Unternehmen in eine
Krise rauscht.“ Und dann, so hört man bei ihm zwischen den Zeilen, sei da noch die Ungeduld, die man als „Digital Native“ mit eingefahrenen Unternehmensstrukturen nur allzu leicht empfinde: „Wir wollen von Ihrer Erfahrung lernen, aber wir wollen auch, dass sie von uns lernen“, so der 22-jährige. Denn in Sachen Digitalisierung sei es bei den Unternehmen in Deutschland oftmals nicht weit her. Wie anders sei sonst erklärbar, dass zum Beispiel ausgerechnet die Autofahrernation Deutschland es nicht hinbekomme, beim Thema Elektromobilität ein funktionierendes Netz von Ladestationen auf die Beine zu stellen. „Ich verstehe das nicht“, so Riederle. „Dabei merken viele Unternehmen ja, dass ihnen der Schuh brennt. Sie haben die Phase des Leugnens hinter sich. Sie wissen, dass sie etwas tun müssen. Jetzt versuchen sie zu verstehen, wie sie reagieren sollen.“ Zugegeben: angesichts der Fülle der Veränderungen des Lebens durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche sei dies keine leichte Aufgabe. Die digitale Welt mache einerseits viele Dinge viel leichter, andererseits schaffe sie aber auch viele neue, hochkomplexe Herausforderungen. Und das auch noch immer schneller. Ein regelrechter „Komplexitätspropeller“ sei das. Riederer kennt die Kehrseite, die das hohe Tempo des digitalen Lebens mit sich bringt: auch die „Generation Y“ sei von Unsicherheiten geplagt, berichtet er und erinnert an steigende Zahlen von seelischen Erkrankungen unter jungen Menschen. Er selbst nimmt das Tempo heraus, indem er sich feste Zeiten ohne Internet und einen - wieder – regelmäßigen Feierabend und Urlaub „offline“ verordnet. „Natur, Sport, Freunde und Entspannung“ seien wichtig, die Freizeitorientierung seiner Generation werde vor dem Hintergrund der hohen Anforderungen der Digitalisierung des Lebens umso notwendiger. „ich würde mir heute manchmal wünschen, dass ich den Musikunterricht als Kind ernster genommenhätte“, sagt er und lacht dabei.

Um beim „Komplexitätspropeller“ der Digitalisierung mithalten zu können, müssten sich auch die Firmen entsprechend aufstellen. Die Bindung von Fachkräften funktioniere nicht allein dadurch, dass man einen Kickertisch aufstellt und die Krawatte im Büro ablegt, provoziert Philipp Riederle seine Zuhörer. Diese werden durch den jungen Mann sichtlich gefordert: 

Was Riederle erzählt sei ja alles schon in Ordnung, so der Freiburger Niederlassungsleiter eines Autokonzerns. Aber er hätte seine provokanten Thesen doch auch vorher ankündigen können, dann wären sie leichter zu verdauen gewesen. Ein anderer meint, man sei als Unternehmen „doch ganz gut aufgestellt“ und klingt dabei eher fragend als selbstsicher. Ein dritter schließlich greift Riederle rüde an und beschwert sich, dass dessen Hemd nicht ordentlich genug aussehe, was wohl daran liege, dass er es online gekauft hat. Philipp Riederle kennt solche Reaktionen auf seine Vorträge zur Genüge. „Daraus spricht auch die Angst mancher Fach- und Führungskräfte, von der Digitalisierung überflüssig gemacht zu werden.“ Schließlich sei ja was dran am Schlagwort vom „Verschwinden der Arbeit“. „Dabei ist es genau die Blockadehaltung solcher Leute, die siebedroht, obwohl doch ihre Erfahrung auch weiterhin gebraucht wird.“ Text von Ralf  Deckert

Fotograf: Marc Weber (www.thisiswideangle.de) Link zum Bild, Bildname "Twaa-90-1", Lizenz BY-SA 3.0

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